Mein Gott, Walter!
Die Gruppe 1 lässt grüßen
Lassen wir mal Mike Krügers dümmlichen Hausmeister und den sächselnden Spitzbart aus dem Spiel – ernstzunehmende und fähige Walters gab es durchaus. Den Röhrl zum Beispiel. Oder den Kerp, dessen Sportgerät in frischem Glanz erstrahlt.


„All die Klassen- und Gesamtsiege, die Walter als seit 1967 aktiver Motorsportler auf nationaler und internationaler Ebene einfahren konnte, rührten aus Blut, Schweiß und Tränen. Er war zweifellos talentiert, hat sich nie geschont und immer alles gegeben“, entsinnt sich Reiner seines Freundes. Bierernst ging es bei dem hauptberuflichen Metallhändler und Fuhrunternehmer nie zu; wenn es passte, ploppte ein Bier auf. Eine Bierlaune brachte die beiden Frohnaturen aus dem Kölner Umland schließlich zusammen: „1995 hat alles mit einem Vertrag auf einem Bierdeckel angefangen. Für Walters Einsatz in der Gruppe 1 der Youngtimer Trophy hatte ich mit meinem Betrieb Ahrend 02 Tuning einen geeigneten Wagen zu finden, aufzubauen und ein Jahr lang zu betreuen.“ Einen brauchbaren 1971er 2002 ti hatte der Fachmann rasch aus dem Ärmel gezaubert, nun wurde selbiger hochgekrempelt, der 02 gerupft und wieder zusammengesetzt. Großen Spielraum ließ das Reglement nicht zu, extreme Seriennähe war das Maß der Dinge.

„Feinschliff für bessere Performance durfte ich aber vornehmen, etwa anhand einer feingewuchteten Kurbelwelle für den M10-Vierzylinder, neuer Düsen für die beiden Solex-PHH-Vergaser, eines durchsatzstärkeren Luftfilters sowie einer maßgefertigten Auspuffanlage mit HJS-Kat. Einheitsfedern und Serienbremsanlage waren vorgeschrieben, immerhin konnte ich Bilstein-Dämpfer und Pagid-Beläge verbauen.“ Mehr als Stahlfelgen in 5×13 mit 185/60er Pneus waren nicht gestattetet, zudem musste der übliche Sicherheitskram rein und das Interieur erleichtert werden. So fanden ein verschraubter Heigo-Käfig mit Querstrebe sowie zwei Sportschalensitze aus dem Hause dp Motorsport in den ti. Für eine rutschfeste Fahrgastsicherung sorgen 6-Punkt-Gurte von Schroth, die auch die mittels Rohren kräftig in den Innenraum hinein verlängerten Cockpit-Schalter erforderten: Anders könnte der korrekt festgezurrte Fahrer die Bedienelemente nicht erreichen.


Einen rigorosen Rauswurf der Türverkleidungen und Teppiche verbat das Reglement der Youngtimer Klasse 1 zwar, gestattete allerdings Leichtbau-Materialien wie etwa dünnen Nadelfilz. Einen Schatten ihrer selbst verkörpert die Rückbank: Sie befindet sich weiterhin an Ort und Stelle, zugunsten der Gewichtsersparnis aber ohne Polsterung und Federung. Egal, wegen der Käfigstrebe säße dort sowieso niemand ordentlich. „Das erste Rennen bestritt Walter im April 1996 in Zolder, ich hatte den ti in letzter Minute an der Piste fertiggestellt. Vorher hatte ich allein meine Rennwagen betreut, das war neu für mich. Und das Debüt ließ sich nicht übertreffen: Walter konnte sich direkt den Gesamtsieg von Rennen Eins sichern. Aus dem einen wurden viele Jahre Betreuung, aus der Partnerschaft entstand eine enge Freundschaft.“

Mit der Zeit wuchs die Trophäensammlung: Nach mehreren Vizemeistertiteln in der Youngtimer Trophy gelang es Walter 2001 endlich, die Meisterschaft einzufahren. Die Freude konnte größer nicht sein! Sein Engagement übrigens auch nicht – er war immer eingeschrieben und fuhr die komplette Trophy mit, belegte stets vordere Plätze, 2006 bewegte der schnelle Rheinländer den BMW nach längerem Stillstand das letzte Mal beim Saisonfinale RGB auf dem Nürburgring. Danach war Schluss mit lustig und schnell, berichtet Reiner: „Walter setzte sich zur Ruhe und verstarb leider 2012, der ti verblieb bei mir. Ganz gegen meine Natur montierte ich ausnahmsweise keine BBS- oder Alpina-Räder, sondern mittlerweile seltene 13-Zoll-Alus von Kronprinz mit 175/60er Michelin ‚Racing Radial X‘.“




Bei den Felgen handelt es sich um zeitgenössisches Leichtmetall, das einst häufig bei am 02 verbaut wurden. „Die Prinzen gehörten halt zum Umfang des ti, wir haben früher auf ihnen Regenreifen gefahren. Rennsport mute ich dem Erbstück aber nicht mehr zu. Ab und an besuche ich mit ihm Oldtimer-Veranstaltungen, sonst wird die mobile Erinnerung an Walter nur gehegt und gepflegt.“
Text: Arild Eichbaum
Fotos: Frank Schwichtenberg


Feature Facts: 1971er BMW 2002ti
Motor:
R4-M10-Vierzylinder, feingewuchtete Kurbelwelle, zwei Solex-PHH-Vergaser mit neuen Düsen, durchsatzstärkerer Luftfilter, maßgefertigte Auspuffanlage mit HJS-Kat
Kraftübertragung:
Fünfgang-Sportgetriebe, je nach Event 3,64 : 1- oder 4,37 : 1- Hinterachsübersetzung mit 40 % Sperre; Hinterradantrieb
Fahrwerk:
Einheitsfedern und Bilstein-Dämpfer, Serienbremsanlage mit Pagid-Belägen
Räder:
Kronprinz-Alus in 5,5 x 13 ET12
Reifen:
Michelin „Racing Radial X“ in 175/60 R13
Karosserie:
Stoßstangen demontiert, geklebte Nummernschilder, Haubenschnellverschlüsse
Innenraum:
Leichtbau-Interieur, verschraubter Käfig mit Querstrebe von Heigo, dp-Motorsport-Schalensitze, Schroth-6-Punkt-Gurte, geschüsseltes 350-mm-Momo-Sportlenkrad, verlängerte Cockpit-Schalter, Zusatzinstrumente, Unipro-Laptimer






















